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Zeichnung "Preisplatteln" von Eugen Oker,
aus "Vorbei. Bilder von Vorgestern"
Fritz Gebhard (Ps. Eugen Oker)

1919 in Schwandorf in der Oberpfalz geboren, Volksschule und Oberrealschule in Amberg. Topograf und Fotogrammeter beim Bayerischen Landesvermessungsamt München. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs Arbeit als Maurer und Ofensetzer im elterlichen Betrieb, Lokalredakteur und Korrespondent für Die neue Zeitung; seit 1971 freier Schriftsteller, lebte bis zu seinem Tod 2006 in München.
1964 Erfindung der Spielekritik. Schrieb viele Beiträge für den Bayerischen Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen), u.a. für die Sendung Bayern wo’s kaum einer kennt.
Ausgezeichnungen: 1973 Astrid-Lindgren-Preis für Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen , 1994 Deutscher Spiele Preis. Sonderpreis für die Begründung der deutschsprachigen Spielekritik, 1999 Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Künste.
Veröffentlichte zahlreiche Bücher, u.a. Winnetou in Bayern (1961), Eugen Okers Spielwiese (1968), Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen (1973), Spiele der Welt (1976), So wos Schüins mou ma soucha. Gedichte in Oberpfälzer Dialekt (1978), Lebensfäden. Roman (1979), ...und ich der Fahnenträger. Fiktives Tagebuch eines Hitlerjungen (1980), Bayern wo’s kaum einer kennt. 3 Bände (1982, 1983, 1985), Lebenspullover. Die Abenteuer des Fritz Kagerer aus Schwanheim. Roman (1986), Bloss der König und andere Geschichten (1993), Zahlbar nach dem Endsieg (1996).
www.eugen-oker.de

Der schielende Blick
Eine Gratulation von Peter Geiger zum 85. Geburtstag Eugen Okers
(aus magazin lichtung Heft 2004/3)

Spiele helfen, das Schwere und Ernste zu vergessen: Als der Krieg im Mai 1945 zu Ende war, da verbrachte Eugen Oker eine ganze Nacht, zur Feier des Tages gewissermaßen, mit neuen Friedensfreunden beim Watten. Nebenbei ließ die Runde ein ganzes 100er-Päckchen Zigaretten, das Geschenk eines US-Soldaten, in Rauch aufgehen. Später machte Eugen Oker sein Vergnügen am Spiel zur Profession und wurde der erste und einzige Spielekritiker Deutschlands. In der ZEIT, später auch in der Frankfurter Rundschau verbreitete er seine Leidenschaft und nahm hunderte von Spielen unter seine kritische Lupe.
Den Krieg hatte der in Schwandorf als Fritz Gebhardt 1919 geborene Eugen Oker als braver, mit einem Akkordeon bewaffneter Soldat Schweijk überlebt. Im schneereichen Frühjahr 1945 war er gerade im bayerischen Voralpenland angekommen, als der Frieden ausbrach. Gelernt hatte der Absolvent der Amberger Oberrealschule Ofensetzer und Fotogrammeter - und bald nach dem Krieg war er Korrespondent für die „Neue Zeitung“ geworden. Und weil er für verschiedene Blätter tätig war, mußte er sich Pseudonyme zulegen. Dabei bevorzugte er Farben, hieß mal Siena, dann Umbra oder Zitronengelb und irgendwann auch, übermittlungsfehlerbedingt, Oker.
Stets machte er Werbung für das gemeinsame Spiel, als Freizeitbeschäftigung für Familien. Statt stundenlang in die Flimmerkiste hineinzustarren, empfahl er, da war er schon beim Fernsehen gelandet, via Television seinen Zusehern, sich Besserem zu widmen und doch anschließend unbedingt den Ausschaltknopf zu betätigen: „Dem homo ludens eine Gasse!“, so seine ziemlich ernstgemeinte Aufforderung, sich dem Spielerischen hinzugeben. Für den Bayerischen Rundfunk präsentierte er, aus der eigenen Arbeitsstube in München, wo er seit 1970 lebt, Spiele - im Fernsehen wie im Radio. Eine seiner Sendungen trug den herrlich verspielten Titel „Leips“.
Ja, auch der Sprache war er spielerisch verbunden. Denn in der Hauptsache war er Autor, „a Schreiberling“, wie er sich selbst mit süffisantem Grinsen bezeichnet. Seine Autobiographie ist in drei Bänden erschienen. Auf rund 800 Seiten entfaltet sich da ein „radikal subjektives und dabei radikal wahrhaftiges Erzählen“, wie es Dr. Reinhard Wittmann, Germanistik-Professor an der LMU in München, beschreibt.
Und mit „So was schüins mou ma soucha“ präsentierte Oker die oberpfälzer Dialektlyrik. Die Gedichte waren auf ihre eigene Weise ursprünglich und authentisch: In den Jahren 1959 bis 1963 direkt aus dem Wirtshaus abgehört und sogleich auf’s Papier übertragen. Diese Frische haben sie sich bis heute erhalten. In brennendes Rot gebunden erschienen sie im vergangenen Jahr in einer schönen Neuauflage, ausgestattet mit Hör-CD, im Amberger Büro Wilhelm.Verlag.
Die Ausstellung, die das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg Eugen Oker im vergangenen Jahr widmete, war nicht nur dem „Schreiberling“, nicht nur dem Fernseh- und Radiomann und Spielsüchtigen, sondern auch dem Maler, dem Topographen, dem Collageur, dem Obstbiggerlsammler, dem Kinderbuchautor und schließlich dem Herausgeber der „Schirgelpost“ gewidmet. Das Schirgeln, das Schielen also, bewirkt, daß man bei der Betrachtung von Bildern eine weitere Ebene hinzugewinnen kann. Eugen Oker hat dies Zeit seines Lebens geschafft: der Welt, wie sie sich ihm darbietet, eine weitere Dimension abzuschauen und abzutrotzen. Am 24. Juni feierte er seinen 85. Geburtstag. Die lichtung gratuliert sehr herzlich und wünscht ihm und seiner Frau Maria viel Gesundheit.

Bestimmt spielt er auf der anderen Seitn weiter
Gerd Holzheimer zum Tod von Eugen Oker

(aus magazin lichtung Heft 2006/3)

Eugen Oker ist im bürgerlichen Leben der Gebhardt Fritz und als solcher unter anderem Topograph gewesen am Bayerischen Landesvermessungsamt in München. Und also ab März jeden Jahres der King, zusammen mit den anderen Landesvermessern, wenn es hinausgegangen ist, in den Außendienst. Und sie haben da nicht nur das Land Bayern vermessen, sondern zum Beispiel auch örtliche Fußballvereine verstärkt, zur Begeisterung vor allem der weiblichen Bevölkerung.
Aber in den Krieg hat er auch müssen und es dabei geschafft, einen „Sonderfrieden“ mit den Alliierten abzuschließen, auch wenn es die Alliierten gar nicht gemerkt haben. Mit anderen Worten: in der Nähe von Bozen hat er sich von der deutschen Wehrmacht verabschiedet und ist zu Fuß nach Haus, über die Alpen, am Tegernsee vorbei, wo sie ihn beinah noch erwischt hätten, erst die SS, nachher die Amerikaner, aber er ist angekommen, daheim, in Schwandorf (erzählt wird das in dem Roman „Zahlbar nach dem Endsieg“, 1995).
Und dann ist er zum Beispiel noch Sportreporter gewesen und Lokalredakteur geworden - zumindest so lange, bis die ehemaligen oder alten Nazis, wieder entnazifiziert, ihre gewohnten Plätze eingenommen haben. Aber er wird auch Korrespondent für die berühmt gewordene „Neue Zeitung“, der Beginn einer literarischen Laufbahn scheint sich abzuzeichnen. Kästner, Feuilletonchef der „Neuen Zeitung“, Eugen Roth, Ludwig Thoma, Karl May sind die Autoren, die ihn bis Kriegsende besonders interessieren.
„Geschrieben habe ich immer“, sagt er, „gedruckt wurde wenig“, doch wird er erst einmal, weil zwei Brüder nicht aus dem Krieg zurückkommen, Hafner, Ofensetzer. Das bleibt er, bis er 1964 draufkommt, dass man nicht nur Literatur rezensieren kann, sondern auch Spiele, er wird „Spielepapst“mit seiner Kolumne in der ZEIT. Später kommt er, zusammen mit seiner Frau, auf die Idee, dass man von Spielen auch leben kann, nicht nur indem man selbst spielt, evtl. auch noch darüber schreibt, sondern auch einen Vertrieb aufbaut; eine Firma, die aus Spielen besteht. Und mit den Spielen kommen die Rundfunk- und Fernsehsendungen: „Bayern, wo’s keiner kennt“ oder „Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen“ . Heimlich sendet Frau Gebhardt die Geschichten, die der Babba dem Maxl erzählt, ein, und öffentlich bekommt der Mann den Astrid-Lindgren-Preis, das war 1974.
Eugen Okers Platz in bayerischen Literaturgeschichten ist nicht nur ein gesicherter, es ist auch ein ganz besonderer. In allererster Linie ist er Erzähler, und was für einer! Ein riesiges Knäuel aus „Lebensfäden“ erzählt er, Titel seines ersten, 1979 erschienenen Romans, worunter die ungewöhnlich gewöhnlichen Abenteuer des Fritz Kagerer aus Schwanheim zu verstehen sind. Die „Lebensfäden“ gehen so an, dass der Ich-Erzähler in der schwarzen Finsternis steht und seine Angst und Einsamkeit in die Nacht hinausschreit, aber keine Angst: es wird nicht gleich zu einem Existentialismus von der schweren Wucht eines Sartre oder Heidegger, geht nicht ins Überhöhte eines Peter Handke. Eugen Okers Ich stemmt seine Beine in einen nachgiebigen Boden, der von ihm selbst ist, weil die Anni es versäumt hat, ihn auf einen Topf zu setzen. Die Anni ihrerseits kriegt von einem Koch, bevor er ins Gefängnis kommt, vier Kinder und dann erst einen gutmütigen, sanften Wampsack namens Jack, der auf deutsch nur „Hopfenzupfer“ sagen kann, was er ungefähr so ausspricht wie „offasuffa“. Weitererzählt wird 1986 in dem Roman „Lebenspullover“, in dem so ein Satz steht wie: „Einhein, da leint er ja, mein Schieben, und feilen tut ihm nichts“, den wir nicht übersetzen.
In Eugen Okers Werk ist der kleine Bürger, und das ist selten in der deutschen Literatur, einmal nicht nur der Depp, nicht nur ein Abgrund von Verbohrtheit, Verklemmtheit und abartiger Normalität, zumindest nicht von vorneherein, sondern er ist zuerst ein Mensch.
Vielleicht kann der Mensch in Eugen Okers Werk ein Mensch sein, weil Eugen Oker ein Menschenfreund ist. Das alles wird aber so erzählt, dass es noch immer etwas zu lachen gibt. So schaut bei Eugen Oker oft leicht aus, was das Schwerste ist: eine Komödie. Die Faszination des Bösen, des Grellen, des Hoffnungslosen, das ist alles im Grunde so einfach und billig, wie ein bloßes Harmonisieren falsch ist, aber die Balance zu halten zwischen Komischem und Tragischem, das ist ein Kunststück.
Das Kunststück gelingt, wenn die Sprache stimmt, und die stimmt bei Eugen Oker. Voller Bilder, Vergleiche, Abschweifungen, mal deftig, mal sanfter und immer neue Geschichten hervorbringend, oft aus einer einzigen winzigen Assoziation heraus, so dass es endlos sprudelt aus einem ewigen: „da foit ma no ei“ - und es folgt die nächste Geschichte, aus der Sprache heraus sich selber endlos fortsetzend.
In seiner Mundartlyrik kommt das Oberpfälzische natürlich unvermittelter und direkter heraus. Es ist „sperrig und hintersinnig, manchmal gewalttätiger, manchmal auch hinterlistiger als das klassische, das ‚Thoma‘-Bayerisch der südlicheren Gaue“, schreibt Carl Amery in seinem Nachwort zu dem Gedichtband „So wos Schüins mou ma soucha“, erschienen 1975. Carl Amery weist zu Recht darauf hin, dass so was Schönes aber erst vor dem „glanzlosen, manchmal düsteren Hintergrund einer steinigen, steinernen gesellschaftlichen Szene“ begreiflich wird und man es suchen muss, das Schöne! Und aufpassen, dass es dann nicht eine Fatima-Grotte ist, die sich einer in seinen Garten hineingemauert hat mit Schlackensteinen, und die schöne weißblaue Muttergottes mit ihrem Sternenkranz drinnen steht, zum Anbeten schön und außenrum, um die Fatima-Grotte herum, die Gartenzwerge herumstehen - alles auf oberpfälzisch natürlich.
In dem Roman „Lebenspullover“ lässt Eugen Oker seinen Kagerer berichten, wie ein Dreitausend-Meter-Lauf sein ganzes Leben verändert hat. Er läuft zum ersten Mal in seinem Leben diese Distanz, was ihm die uneingeschränkte Bewunderung des Turnlehrers einbringt, welche sich wiederum in der Note eins niederschlägt, von der sich später herausstellt, dass sie Voraussetzung ist, um als Landesvermesser angestellt zu werden. „Ich weiß wirklich nicht“, schreibt er, „was aus mir ohne diesen Dreitausendmeterlauf geworden wäre.“ Jedenfalls nicht der, der er ist. Was aber, fragt er sich, „wäre ich denn DANN geworden?“
Das weiß man nicht, aber jetzt spielt der Gebhardt Fritze alias Eugen Oker auf der andern Seitn weiter, der liebe Gott hat einen gewaltigen Spieler mehr in seinem bunten wundersamen Paradiesgarten.