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Zeichnung "Preisplatteln" von Eugen Oker,
aus "Vorbei. Bilder von Vorgestern"

Eugen Oker: Bloß der König und andere Geschichten Eugen Oker: Bloß der König und andere Geschichten
Klappenbroschur, mit 6 Zeichnungen des Autors,
160 S., 13,80 Euro,
ISBN 978-3-941306-01-1

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KURZTEXT

Soeben ist ja tatsächlich die Welt, unsere Welt in Form von diesem dreimalgottverfluchten DRITTEN REICH zugrunde gegangen, aber genau in diesem Moment hat unsere NEUE WELT begonnen zu kommen. Doch damit sie auch wirklich und wahrhaftig kommen hat können, DIE NEUE ZEIT, da hat man schon etwas tun müssen. Am besten mit einer Schaufel.“
Vom Ende des 2. Weltkriegs bis Ende der 1980er Jahre spannt sich der zeitliche Rahmen, in dem Eugen Okers hier gesammelten Texte entstanden sind. Der Band enthält 21 Geschichten, die zum ersten Mal 1993 in kleiner Auflage erschienen sind: Geschichten von Schulausflügen, von den Sprachgeheimnissen der Erstkommunion oder von einem Kommunisten, der die Stadt Amberg den Amerikanern übergibt; unvergleichlich auch die Beschreibung des Wattens, des bayerischen Kartenspiels.
„Watten ist nach alledem weniger ein Kartenspiel. Es ist vielmehr eine deftige, hinterfotzige Pantomime, eine Komödie im Sitzen mit tragischen Akzenten. Ist Watten erlernbar? Rundweg: nein. Man kann’s oder man kann’s nicht. Ist es auch nicht gerade die Muttermilch, mit der man’s Watten eingesogen haben muß, etwas Ähnliches ist es doch, das einen erst dazu befähigt: das bayrisch Herz.“

AUTOR

1919 in Schwandorf in der Oberpfalz geboren, Volksschule und Oberrealschule in Amberg. Topograf und Fotogrammeter beim Bayerischen Landesvermessungsamt München. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs Arbeit als Maurer und Ofensetzer im elterlichen Betrieb, Lokalredakteur und Korrespondent für Die neue Zeitung; seit 1971 freier Schriftsteller, lebte bis zu seinem Tod 2006 in München.
1964 Erfindung der Spielekritik. Schrieb viele Beiträge für den Bayerischen Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen), u.a. für die Sendung Bayern wo’s kaum einer kennt.
Auszeichnungen: 1973 Astrid-Lindgren-Preis für Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen , 1994 Deutscher Spiele Preis. Sonderpreis für die Begründung der deutschsprachigen Spielekritik, 1999 Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Künste.
Veröffentlichte zahlreiche Bücher, u.a. "Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen" (1973), "So wos Schüins mou ma soucha". Gedichte in Oberpfälzer Dialekt (1978), "Lebensfäden". Roman (1979), "...und ich der Fahnenträger. Fiktives Tagebuch eines Hitlerjungen" (1980), "Bayern wo’s kaum einer kennt". 3 Bände (1982, 1983, 1985), "Lebenspullover. Die Abenteuer des Fritz Kagerer aus Schwanheim". Roman (1986), "Bloß der König und andere Geschichten" (1993, Neuausgabe 2009), Zahlbar nach dem Endsieg (1996, Neuausgabe 2008).

INHALT

Bloß der König
Ein Kommunist
Walhalla
Im Wald
Du bumm bumm
Der Kamin
Eine Hand voll Kabel
Per Anhalter
Eine kleine, schwarzweiß gefleckte Katze
Urlaub in Lam
Eisenbahn-Jungfernfahrt
Der Buttermann
Der letzte Vordermann
Der Turnvater im Flipper
Erstkommunion
Der Grammola
Hannibal und Wiggerl
Eilfracht nach Saarbrücken
Die Chiemseeflotte
Kunstwerk Knödel
Bayrisch Poker: Watten

LESEPROBE

Bayrisch Poker: Watten

Kenn’ Se Ibsen? soll einmal ein Tourist einen Wirt gefragt haben.
Der Wirt: Ibsen. Nein. Nur Watten.
Ein Witz von der Sorte, die Zusammenhänge, über die man ganze Bücher schreiben könnte, erhellt wie ein Blitz. Das Mißverständnis leuchtet die Schranke an, die im „Wald“ heute und immer Gäste und Einheimische trennt.
Denn Watten ist für den Bayern so etwas wie Kricket für den Engländer: Verschlossen jedem Fremden – auch bei Kenntnis der Regeln – sind beide Spiele nur nach vielen Weihen zu erfassen und zu praktizieren, für Fremde freilich so gut wie nie. Watten: ein Geheimspiel? Tatsächlich findet man es in keinem Spielebuch. Nicht einmal der Komtur-Bayer Robert Lembke erwähnte es in dem seinigen. Schreibt man nicht übers Watten als Bayer? Ich tu’s.

Watten ist ein Kartenspiel. Schafkopf ist ein bayerisches, Watten ist ein urbayerisches Kartenspiel. Watten ist bayerischer Poker.
Niemand weiß, wie und wo beide Spiele entstanden sind: Der Poker soll aus dem Wilden Westen Amerikas stammen, das Watten kann leicht im Wilden Osten Bayerns entstanden sein. Dort spielt man es jedenfalls heute noch rasserein und häufig.
Warum aber hat nie ein Tourist Waldler beim Watten gesichtet? Weil er dorthin nicht kommt, wo gewattet wird: in Boazzn (Wirtshäuser), auf Baustellen, im Frühzug, in Schülerinternaten.
Watten ist ein Spiel des Proletariats. Der Bürger wattet nicht. Aber der Arbeiter (jener Kulturträger, dem wir auch die Reinhaltung des Dialekts verdanken), und vom männlichen Nachwuchs wird es ohne Standesunterschied weitergetragen durch die Generationen.
Auch das weibliche Geschlecht wattet nicht – nicht einmal die Wirtin oder Kellnerin springt ein, hebbd aaf wie beim Schafkopf, wenn so ein Watterer schnell einmal hinaus muß, denn man wattet beim Bier – ja ums Bier. Man wattet nicht um Geld. Man wattet eine Maß aus. Eine Maß um die andere. Eine Partie dauert deshalb auch gerade so lang, bis der kreisende Maßkrug leer ist. Da weiß man dann auch schon, wer die Maß zahlt. Ein gut eingespieltes Paar Watterer zahlt selten. Das ist einer der Zwecke des Wattens.
Man schließe daraus mit Recht, daß Watten zu viert geschieht. Zwei mal zwei Watterer, wobei sich Pfreindd, die Freunde, gegenübersitzen.

Watten aber geht so: es wird eine Maß Bier bestellt.
Der Geber mischt die zweiunddreißig Karten klatschend laut der Länge nach, stößelt sie am harten Holztisch und haut den Stoß dem Linken hin. Der hat den Vorgang scharf beobachtet, dann hebt er ab und Schläggd, wenns geht. Schlecken bedeutet, daß man die abgehobene Karte behalten darf – wenn sie ein Griddischa ist.
Der Kritischen sind aber ihrer drei: der Max, der Belli und der Bsoicht. Das sind die höchsten Trümpfe beim Watten.
Max ist ein beliebter bayerischer Name; ein echter Königsname: Maximilian. Drum ist der Max der Herz-König, der würdevolle, rotgewandete Hermelinträger mit dem Vollbart: der Höchste der Hohen, der Kritischen.
Der Belli ist ein Italiener, wo er Belle Sete, der schöne Siebener heißt. Er, der Schellen-Siebener, ist der zweithöchste Kritische. Im alten bayerischen Blatt, das noch nicht doppelköpfig war, sah man beim Belli unten eine Frau abgebildet, die ihren Mann, der den Maßkrug nicht ausläßt, im Schubkarren heimkarrioliert.
Der dritte, der kleinste Kritische ist der Eichel-Siebener; sein Sinnbildchen war der Vogelfänger. Genannt wird er der Bsoichdd, auch Soicha. Soichen = brunzen = schiffen = pinkeln – pingelig ist man nicht beim Watten. Dem Bsoichten sagt man nach, er soichad oan gean en d hand, gäbe also gelegentlich ein falsches Gefühl der Überlegenheit.

Hebt nun so ein Linker einen Kritischen ab, darf er ihn behalten. Dies aber gibt dem Geber das Recht, einen eventuell unter seinem Stoß befindlichen Kritischen gleichfalls zu schlecken, wie man diese Handlung delikaterweise nennt. Und darum hat unser Linker auch gar so scharf beim Mischen aufgepaßt. Oft kommt nämlich so ein Kritischer gar nicht so arg zufällig hinunter. Dann nämlich, wenn der Geber schdobbfd, einen Kritischen owimaunggld. Das ist freilich eine Kunst – und sie ist zweischneidig. Schleckt der Gegner nicht, hat die ganze Stopferei nichts geholfen. Merkt der Linke was, dann hebt er eben unten ab und nimmt dem Geber den hinabgemaunkelten Kritischen schadenfroh grinsend weg. Drum stopft mancher Geber gelegentlich absichtlich falsch. Im Englischen heißt so etwas Bluff.
Wird nicht geschleckt, darf der Linke die unteren zwei, der Geber die unteren drei Karten anschauen – ein Informationsvorsprung.
Dieses Vorgeplänkel ist schuld am Zustand der Karten, wie man sie beim Watten gern hat. Nicht nur der Wirt gibt ungern neue Karten zum Watten aus – er kennt ihr Schicksal – auch die Watterer mögen ein neues Blatt mitnichten. Watt-Karten sind deshalb meist alt und mürb und von allerlei Spuren gezeichnet, gezinkt und gegengezinkt, gebogen, geknickt, angerissen, gebrochen, zerkratzt, dies alles von verschiedenen Watt-Partien, jede mit einer eigenen Zink-Spezialität.
Der Geber gibt (erst drei, dann zwei) jedem fünf Karten, worauf bereits ein heftiges Signalisieren anhebt, das Oodaiddn, Andeuten, auf daß der Freund erfahre, was man so alles hindd hood, hinten hat. Geschürzte Lippen: Max; rechtes Auge blinzelt: Belli; linkes Auge blinzelt: Bsoichter. Da wandern die Äuglein von Freund zu Feind, auf daß man sein Signal auffange, das halt auch wieder falsch sein kann – so was muß man können!
Der Reststoß kommt aufgedeckt auf den Tisch. Seine Karten kommen nicht mehr ins Spiel, und das soll der Grund sein, weshalb Watten verboten ist. Doch niemand verbietet es. Sogar die Polizei zöge es vor, mitzuwatten, als einzugreifen. Irgendwo ist ihr unbewußt bewußt, daß sie selber ein Recht bräche: das gut und gern seine hundert Jahre alte Gewohnheitsrecht der Watterer auf ihr Spiel.

Der Rest der Trümpfe entsteht durch Oosong, ansagen; der Gegner den Schlooch, den Schlag, der Freund Bfoab, die Farbe. Bevor und während es dazu kommt, wird wieder heftig signalisiert: Fingerzeichen, Haarstreicheln, Backenaufblasen, Schulterzucken. Ein kurzer Blick zur Decke, ein Augenbrauenaufheben – da gesteht der Freund, nichts zu haben, blangg zu sein – abgesehen von dem, was er vorher schon hinübergemorst hat.
Mit dem Andeuten ist die Kommunikation zwischen den Spielern noch lange nicht erschöpft. Ab jetzt begnügt man sich aber nicht mehr mit stummen Zeichen.
Schadd a? fragt der Ausspieler seinen Freund. Wer da schaden würde, wäre der Hauptschlag, nach den Kritischen der nächsthöhere Trumpf, weil er den angesagten Kartenwert und die Farbe in sich vereinigt, und bei dem heißt es Trumpf oder Kritisch.
Da müßte also Farbe bekannt werden, was sonst beim Watten nicht der Fall ist.
Las n hera! sagt man, wenn man einen wohlfeilen Stich machen kann, Dandd gar, was ein Stich außerhalb der Trümpfe ist.
Denn bloß auf Stiche kommt es beim Watten an, wer deren drei macht, gewinnt. Das bringt zwei Punkte ein, mit elf endet das Spiel, die Verlierer zahlen die Maß.

Wäre das alles? Ach woher denn. Es war ja noch gar nicht die Rede vom Aasschaffa, Ausschaffen, das Watten ja überhaupt erst ausmacht und den Vergleich mit dem Poker rechtfertigt.
Glaubt jemand (oder will er es den anderen glauben machen), daß seine Partei die drei Stiche machen wird, ruft er Schiam! (Schieben = abschieben = gehen = aufgeben). Meinen die anderen (oder wollen sie glauben machen), sie seien die Stärkeren, dann bleiben sie da und erhöhen dadurch den Wert des Stichs auf drei Punkte.
Ja, sie sagen vielleicht sogar Vier!, jetzt oder später. Nun ist es an den ersteren zu gehen, dazubleiben oder vielleicht sogar Fünf! zu sagen, und sei es ganz am Schluß vor dem Ausspielen der allerletzten Karte.

Und da kommt es in einer Watterer-Sternstunde zu folgendem: Da haut einer als Vorletzter den Belli krachend auf den Tisch. Der letzte aber schaut verschmitzt über seine, die allerletzte Karte und sagt leise: Schiam. Hat er den Max, oder blufft er?
Vier! schreit der Kontrahent.
Fünf!
Sechs!
Sieben!
Acht!
Spiel aus!! Jetzt dreht der staad seine Karte um, den Max, leckt ihn hinten liebevoll ab und picht ihn sich mit einem patschenden Hieb ans Hirn – dann erst brechen die beiden Freunde in ein brüllendes Siegesgeheul aus.

Genug.
Obwohl noch gar nicht die Rede war von Gschbannd, von Gschdraffd um Zwoa oda Schreibz eich Zwoa, nicht von der Maschin.
Watten ist nach alledem weniger ein Kartenspiel. Es ist vielmehr eine deftige, hinterfotzige Pantomime, eine Komödie im Sitzen mit tragischen Akzenten.
Ist Watten erlernbar? Rundweg: nein. Man kann’s oder man kann’s nicht. Ist es auch nicht gerade die Muttermilch, mit der man’s Watten eingesogen haben muß, etwas Ähnliches ist es doch, das einen erst dazu befähigt: das bayrisch Herz.
Ein Gymnasialdirektor fragte mich, ob ich nicht ein Kartenspiel wüßte, das seine Schüler von der Unsitte des Wattens abbrächte. Ich riet ihm, das Watten in den Unterricht aufzunehmen. In die Völker- oder Gesellschaftskunde. Oder in die Kulturgeschichte.