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Zeichnung "Preisplatteln" von Eugen Oker,
aus "Vorbei. Bilder von Vorgestern"

Eugen Oker: Zahlbar nach dem Endsieg Eugen Oker: Zahlbar nach dem Endsieg
Neuausgabe, Klappenbroschur
mit Zeichnungen und zahlreichen Abb. aus dem Tagebuch des Autors
256 S., 19,80 Euro
ISBN 978-3-941306-00-4
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KURZTEXT

Der junge Topograf Fritz Kagerer, beschäftigt am Vermessungsamt in München, meldet sich nach erstem Zögern freiwillig zu der Beobachtungseinheit 7, wo Vermesser benötigt werden: „die klären feindliche Geschütze per Licht und Schall auf, da ist man nicht vorn, auf den miesen Plätzen wie im Kino, wo es flimmert“.
Und man kommt „auf Staatskosten ganz schön herum“, zuerst nach Frankreich ins Freß- und Saufparadies, inklusive Puffbesuche. Anfangs gutgläubig, dann immer skeptischer merkt Kagerer, wo es lang geht. Vor allem dann, als sie durch das zerstörte Polen Richtung Moskau fahren. „Da hat er auch nach uns gegriffen, denen ihr gottverdammter TOTALER KRIEG. Jetzt haben wir ihn. Du aber schon auch, du Scheißvolk! Alle Tage radieren sie dir eine Stadt aus.“
Nach einer Zwischenstation in Landshut, geht es die letzten Monate des Krieges noch nach Italien. Kagerer beendet für sich den Wahnsinn, schließt „einen Separatfrieden mit den Alliierten“ und geht einfach heim.
Eugen Oker gelingt mit seinem autobiografischen Roman ein authentischer Rückblick auf diese unheilvollen Jahre deutscher Geschichte.

AUTOR

1919 in Schwandorf in der Oberpfalz geboren, Volksschule und Oberrealschule in Amberg. Topograf und Fotogrammeter beim Bayerischen Landesvermessungsamt München. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs Arbeit als Maurer und Ofensetzer im elterlichen Betrieb, Lokalredakteur und Korrespondent für Die neue Zeitung; seit 1971 freier Schriftsteller, lebte bis zu seinem Tod 2006 in München.
1964 Erfindung der Spielekritik. Schrieb viele Beiträge für den Bayerischen Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen), u.a. für die Sendung Bayern wo’s kaum einer kennt.
Auszeichnungen: 1973 Astrid-Lindgren-Preis für Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen , 1994 Deutscher Spiele Preis. Sonderpreis für die Begründung der deutschsprachigen Spielekritik, 1999 Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Künste.
Veröffentlichte zahlreiche Bücher, u.a. Winnetou in Bayern (1961), Eugen Okers Spielwiese (1968), Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen (1973), Spiele der Welt (1976), So wos Schüins mou ma soucha. Gedichte in Oberpfälzer Dialekt (1978), Lebensfäden. Roman (1979), ...und ich der Fahnenträger. Fiktives Tagebuch eines Hitlerjungen (1980), Bayern wo’s kaum einer kennt. 3 Bände (1982, 1983, 1985), Lebenspullover. Die Abenteuer des Fritz Kagerer aus Schwanheim. Roman (1986), Bloss der König und andere Geschichten (1993), Zahlbar nach dem Endsieg (1996

LESEPROBE

Aus Kapitel 1: NACH PARIS

Stell dir vor, der Krieg ist aus, und wir können zwei Jahre aktiven Friedensbarras herunterreißen!
Diese Schreckensvision hat der Trischberger Heini mit seiner Freiwilligmeldung unterlaufen: Kriegsjahre zählen doppelt! Länger als wie ein Jahr dauert die Chose ja doch nicht mehr, dann bist fein heraus: eins locker als Besatzer anstatt zwei in einer Kaserne hergeschliffen: da weiß ich, was mir lieber ist.
Aus einer urtiefen Angst vorm Militär hat sich unser bedeu­tendster Topographen-Windhund, der Gent von der Alexandra­straße, der unbedingte Liebling der Frauen, Heini, der Sa­loppe, der Unwiderstehliche, der Großdeutschen Armee FREIWIL­LIG in den Rachen geschmissen.
Nicht ohne Vorbedacht: Ein Freiwilliger darf sich seine Waf­fengattung aussuchen. Und der Heini hat sich die BE 7, die Beobachtungsersatzabteilung 7, München, Schwere Reiterstraße, ausgesucht, denn dort brauchen sie Vermessungsmenschen: Die klären feindliche Geschütze per Licht oder Schall auf, da ist man nicht vorn, auf den miesen Plätzen wie im Kino, wo es flimmert. Hinten, das ist die Losung für Kino oder Krieg: wenn auch nicht gerade Loge, so doch immerhin Parkett: Ein schöner Zuschauplatz bei angenehmen Arbeitsbedingungen.

Der Frankreichfeldzug ist gerade im schönsten Siegen gewesen, da ist der fesche Heini eingerückt. Aber da hat auch schon eine Nachricht aus Freundeskreisen die trischbergerische Argumentation erheblich angekratzt: Dem lustigen Raithel Wal­ter hat es, ausgerechnet bei dem Heini seiner Favoritentruppe, der momentan in Frankreich agierenden aktiven B 7, die beiden Füße weggerissen.
Gleich darauf hat der Heini seinen Heldenschnellkurs in der Kaserne absolviert gehabt. Bevor er ins inzwischen niederge­­worfene Frankreich abkommandiert worden ist, haben wir zum Abschied in der Kantine schwer gesoffen. Hundertmal hat mir der Heini auf die Schulter geklopft und mich zur Nachahmung seiner Strategie ermuntert, denn, hat er gemeint, da schwimme doch sein Stock trotz allem genau richtig den Fluß hinunter.
Ja, ja, bis nach Welikije Luki. Und sein Stock ist dann halt ohne ihn den Fluß Lowat hinabgeschwommen in den Ilmensee hin­ein, denn der Heini hat nach dem kalkulierten doppelt zählen­den Kriegsjahr tatsächlich den Barras hinter und ein Birken­kreuz über sich gehabt.
Stockbesoffen haben wir uns in der Kantine voneinander ver­abschiedet, und wie der Heini sein Schifferl vom Kleiderhaken nimmt, bleibt ihm das windige Ding in der Hand: der unten eingerollte, schwarzlackierte Metallsteften ist samt den zwei kümmerlichen Schrauben aus dem Brett gebrochen.
Der Heini schaut ihn an, und hält ihn dann wie ein Lorgnon ans Auge. Die Komik des Anblickes ist sofort auf mich überge­sprungen, auch ich hab mir so einen Zwicker vom Brett geris­sen und den Heini damit angelinst; der hat den seinigen in ein Eck geschmissen und sich einen neuen herabgeknackt; und dann ich wieder; und dann er wieder, und wie halt solch schwachsinnige Einfälle nur Besoffene begeistern können, ha­ben andere haubitzenvolle Soldaten in der Kantine die geist­reiche Pantomime sogleich mit inbrünstiger Begeisterung mit­zuspielen begonnen: Vom rund um das Lokal laufenden Gardero­benbrett sind bald alle Kleiderhaken heruntergerissen gewesen und wir haben uns durch sie affektiert angeglotzt, um sie dann unter Gelächtersalven durch den Raum zu feuern.
Aber dem Heini folgen? Nein. Auch kein anderer Kollege. Vor­erst sind wir ja noch ganz schön warm und unabkömmlich in un­serem Amt gehockt: SPEZIALISTEN! Und was für welche! Photo­grammeter, Burschen, die aus Luftaufnahmen Landkarten machen können, hat es in ganz Großdeutschland vielleicht ein Dutzend gegeben. Und es sind Gerüchte gegangen, daß wir uniformiert und im weiten Bereich der gewonnenen Gebiete und bei unseren Verbündeten zu strategisch wichtigen geodätischen Arbeiten eingesetzt werden würden: SCHMALSPURHENGSTE. So hat man die niedrigen Militärbeamten bespöttelt. Von uns aus gern, und das könnte dann vielleicht auch als Militärdienst angerech­net werden, wenn auch vielleicht nicht eben doppelt.
Leider ist die Illusion zerstoben. Ja, noch im Sommer hat man uns geflüstert, daß unsere UK-Stellung – unabkömmlich! – günstigstenfalls bis zum Herbst verlängert werden könne, wir dann also sozusagen Freiwild fürs Wehrmeldeamt wären, das uns einziehen könne, wohin es ihm beliebe.
Da sind als erste der Hierl Hans und ich dem Trischberger Heini gefolgt.
Und nach einem öden Vierteljahr Exerzierdrill, sturem Unter­richt und einer erbarmungswürdig primitiven Ausbildung in der Kunst der Vermessung feindlicher Geschütze mittels Schallwellen bin ich mit einer Gruppe KAMERADEN als Ersatz­reserve zu jener aktiven B 7 überstellt worden.

München – Pfaffenhofen – Ingolstadt – Pappenheim – Gunzenhausen – Ans­bach – Ochsenfurt – Würzburg – Karlstadt – Lohr – Aschaffenburg – Darm­stadt – Mainz – Rüdesheim – Kaub – St.Goarshausen – Lahnstein – Ehren­breitstein – Neuwied – Honnef – Deutz – Köln – Düren – Aachen –Veviers – Lüttich – Firlemont – Löwen – Brüssel – Hal – Enghien – Ath – Leuze – Beclers – Tournay – Lille – Armentières – Hazebrouck.
Eine angenehme Reise, diese erste Reise auf Staatskosten. Auf allen Bahnhöfen haben süßmäulige NSV- und FRAUENSCHAFTSTANTEN ihre HELDEN umsorgt, mit heißem Tee und warmen, treudeutschen Herzen, Kamerad hinten, Kamerad vorn, war man schon von der besseren Sorte Mann, dem die Weiberherzen zufliegen, noch mehr freilich, wenn man irgendwo an der Uniform geglitzert hat, und sei es bloß ein Gefreitenwinkel am linken Oberarm. Als Zivilist war man nicht nur zweite Garnitur, sondern insgeheim der Drückebergerei oder gar einer unsichtbaren Krankheit verdächtig, sozusagen unsichtbar für Mädchenaugen.
Uber den anderen Tag sind wir in Hazebrouck ausgeladen worden. Nacht war es, unser Gleichschritt hat durch die fremdländi­schen Straßen gehallt. Riesige, unverständliche Reklamen:
DU-DUBO-DUBONNET. Und in einem mächtigen Haus haben wir biwakiert: lange, hohe Gänge, hohe, breite Türen, statt Klinken Drehknöpfe. Hohe, gepflasterte Räume mit hohen, verdunkelten Fenstern, Tapeten an den Wänden, gähnender offe­ner Kamin. Schloßartig. So muß der Soldate wohnen im fremden Franzosenland! Des Vaters Kriegsgeschichten werden wach, etwa die Gegend muß es gewesen sein, etwas weiter droben: Antwerpen – Brügge – Ostende – Mariakerk – Westende – Nieuport – Adinker­ke – Dunkerque – Gravelines. Flandern. Tausenmal gehört.
Und gleich fällt mir der ermunternde Wandspruch ein, den ich im Treppenhaus der benachbarten Nachrichtenkaserne gelesen habe:
Wo des Vaters Arm verdorrt,
fällt der Sohn und spricht kein Wort.

Der Leiter unseres Transportes, der Unteroffizier Eckl, ein dümmlicher Zwölfender, erfährt in unserer Bleibe, der Front­sammelstelle – FRONT, wie das klingt! – unser endgültiges Ziel. In Arras wird man uns abholen.

Morbecque – Bergouette – Lillers – Choques – Noeux – Grenay – Lens – Vimy – Farbus – Arras.
Wir sind keine Sekunde von den Abteilfenstern wegzubringen und betrachten die flache Gegend. Lauter Schlachtfelder, vermutlich. FERMEN, PAPPELALLEEN, HÖHE 112 und so. Manchmal Ruinen.
Von Arras aus bringt uns ein bulliger BÜSSING nach Hamblain les Prés. Keine Ahnung, daß mir dieser Wagen so etwas wie eine Heimat werden wird.
In Hamblain les Prés, ein Kaff von einem Städtchen mit Kir­che, Schulhaus und Mairie, hat man eine andere Heimstatt für uns bereit: im saalartigen Anbau einer Art von Einfamilienhaus draußen an der Peripherie, offenbar das Lager eines Kleingewerbetreibenden, worin wir uns mit großem Hallo ein­richten. Über breite Schütten Stroh werden unsere Zeltbahnen zusammengeknöpft, in die Wand hinter dem romantischen Solda­tenlager große Nägel gehämmert, schön regelmäßig, damit die daran hängenden Klamotten auch militärisch exakt ausge­richtet sind. Rote Bubenköpfe kriegen wir wie seinerzeit im Jugendlager, als wir noch das soldatisch karge Leben als Abenteuer aufgetischt bekommen und gierig konsumiert haben: WER EIN HAKEN WERDEN WILL, KRÜMMT SICH BEIZEITEN.

Aus dem 3. Kapitel: NACH HAUSE

Der Kalender ist klein, etwa handtellergroß. Der Deckel, eine braune Lederimitation, fehlt. Die Innenseite liegt bloß und zeigt die unvollendete Zeichnung eines Hoheitsadlers in Tintenstift. Es fehlt der Kopf und der linke Flügel. Neben MEINE ANSCHRIFT ist meine Unterschrift. Der Vorname in deutscher, der Nachname in lateinischen Buchstaben, wie es damals üblich gewesen ist.
Auf den nächsten zwei Seiten sind die beiden Halbjahresüber­sichten. Jeder Kalendertag ist säuberlich schräg mit Blei­stift durchgestrichen. Die folgenden Seiten umfassen je vier Tage. Quer über der ersten Seite steht: Siehe 1944. Aber der Kalender 1944 ist verloren gegangen.
Dies ist also der Kalender 1945. Den ersten Tagebucheintrag weist er am 9. März auf. Alle Tage sind von da an laufend numeriert.

Der Hermann hat geschrieben. Auf der Karte steht bloß: Es geht mir gut. Der Poststempel ist KOPPELBUDE. Das liegt bei Insterburg. Meiner Lebtag nie werde ich die Telefonzelle auf der Post in Landshut vergessen, wo mir dem Vater seine entsetzte Stimme aus der Hörmuschel ins Ohr gefahren ist: INSTERBURG! Die Russen stehen vor Berlin. Und da schreibt der Hermann aus Ostpreußen! Im Januar haben sie ihn mit kräftiger Unterstützung des Hauptmanns am Wehrmeldeamt und gleichzeitigen Hitlerjugend-Bannführers Köderl nach Schlan in die Tschechei zur Infanterie eingezogen, kaum siebzehn Jahre alt. Wirst sehen, Hermann, bis die Ausbildung vorbei ist, ist dieser dreimalverfluchte Krieg auch aus! So, und jetzt ist er da oben. Da kann man bloß noch beten. Der Franz ist, schon im Oktober, nachdem er die Hölle von Cassino ohne einen Kratzer überstanden gehabt hat, in Italien gefal­len, an einem Monte Renzio, weiß der Teufel, wo das ist.
Da hat er auch nach uns gegriffen, denen ihr gottverdammter TOTALER KRIEG. Jetzt haben wir ihn. Du aber schon auch, du Scheißvolk! Alle Tage radieren sie dir eine Stadt aus. Jetzt machen sie es euch nach: WIR WERDEN IHRE STÄDTE AUSRA­DIEREN! hat er geröhrt, er, der ganz andere. Jetzt ist ihm der Radiergummi ausgegangen, hat der Vater gesagt, wie SIE es uns gezeigt haben. Dann ist der Goebbels gekommen mit seinem totalen Krieg. Als wie wenn er nicht schon total genug gewesen wäre. WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG? hat er in den von braunem und grauem Gesocks vollgerammelten Sport­palast in Berlin hineingegeifert. Und JA! haben sie gebrüllt. WOLLT IHR IHN NOCH TOTALER UND RADIKALER ALS IHR IHN EUCH JETZT ÜBERHAUPT VORSTELLEN KÖNNT? Da sind sie auf von den Sitzen: JA! JAAA! DANN VOLK STEH AUF UND STURM BRICH LOS! Da haben sie alle ihre widerlichen Arme dem braunen Krüppel da oben entgegengereckt, ihre widerlichen Maßkrugköpfe haben das fanatische Leuchten bekommen und ihre widerlichen Froschmäuler in ihren schweißigen Fressen haben HEIL! ge­brüllt HEIL! HEIL! Und dann, unvermeidlich: FÜHRER BEFIEHL, WIR FOLGEN! Aber der, der hat sich eingebunkert gehabt, der ist ihnen nicht mehr hin, der hat doch mit seinem Eva­-Flitscherl unter Hekatomben von Beton den Endsieg befehligen müssen, da hat er doch keine Zeit mehr gehabt für sein Volk, dieser FÜHRER, zwanzig Meter unter dem Boden. Statt seiner hat dieser klumpfüßige Kobold im speichelsprühenden Geplärr dieser deutschdummbesoffenen Kreaturen baden dürfen.

Einen dumpfen Schlag müßt es tun, hat der mundfaule Hans, der Vetter aus Velburg, gesagt, wie er von der Ostfront, hochdekorierter Unteroffizier bei der Infanterie, im Urlaub dagewesen ist, immer nur stumpf: Einen dumpfen Schlag müßte es tun! Damals hab ich gesagt: Einen Arm gäb ich dran oder einen Fuß, wenn wir alle wieder heim kämen aus diesem Sau­krieg. Aber: Behalt deinen Arm, behalt deinen Fuß, hat er gesagt, der Krieg.
Das Fressen in der Kaserne war hundsmiserabel. Der einzige, der alles gefressen hat, war der Theobald. Und zwar so viel, wie er nur gerade kriegen hat können. Das, was wir übergelas­sen haben, und dann hat er sich noch einen Nachschlag aus der Küche geholt. Wenn nichts drin ist, muß es halt die Menge machen, hat er gesagt.
Wenn es absolut ungenießbar war, dann haben wir, der Subrock Erwin, der Kegel Lothar und ich, die Landshuter Wirtshäuser abgeklopft. Irgendwo haben wir dann schon ein markenfreies STAMMESSEN aufgegabelt. TIROLER GRÖSTL. Geröstete Kartoffeln mit Blutwurst. Zaundürr. Notfalls habe ich mit Marken von daheim ausgeholfen. Dort haben sie ja in der Hinsicht keine Not gelitten. Was sie zum Leben gebraucht haben, hat der Vater alleweil von seiner Landkundschaft heimgebracht. Aus seinem Rucksack ist zur Tarnung immer die Meter-Wasserwaage herausgestanden.
Der Theobald hat das abgelehnt. Er ist ein konsequenter Nazi gewesen. Keine Extrawurst für ihn. Keine Sonderrechte. Alles für den Endsieg, an dem er auch jetzt noch nicht im Mindesten gezweifelt hat. Noja: An die Front ist er deswegen allerdings auch nicht gegangen. Seinem Führer hat er schon lieber weiter hinten treu gedient, bei uns, bei der Beobach­tungs-Ersatz-Abteilung 7, Schallmeßbatterie, Auswertung. Wegen seinem steifen Fußgelenk. Aber schneidig ist er trotz­dem gewesen. Und die ganze Zeit im Dritten Reich muß es ihm das bißl Hinkebein ja auch getan haben als Gebietsführer bei der Hitlerjugend. Wie er bis vom Saarland sozusagen fünf Minuten vor zwölf plötzlich bei uns als hundsgewöhnli­cher Soldat, Kanonier Arsch, aufgetaucht, und auch gleich Ausbilder neben uns altgedienten Schallmeßauswertern werden hat können, das ist sein Geheimnis und das der Erfassungsbe­hörden gewesen.
­Einen idyllischen Winkel hat er sich, gemessen an der Kriegs­lage, jedenfalls ausgesucht. So gesehen ist er gut über das EWIGWÄHRENDE TAUSENDJÄHRIGE DRITTE REICH gekommen. Sowas kostet eben. Städte, Länder, Soldaten. Kannst nichts machen. Tribut an Große Zeit, und das war ja weiß Gott die größte aller dieser großen Zeiten. Da fallen halt die Späne. Weil gehobelt wird. Beispielshalber Brüder. Den seinigen hat es bei der Flak in Nürnberg erwischt. Da ist dieser Kraftbat­zen von einem Theobald stehenden Fußes mit dem Fahrrad nach Nürnberg gefahren, hat seinen Bruder in einem Papiersack beerdigen helfen, und ist mit seinem Nachlaß auf dem Gepäck­träger, einer Persilschachtel, schon am nächsten Tag gleichen unbewegten Gesichts wieder bei uns angekommen, nicht ganz und gar unfröhlich vor sich hinpfeifend.
Wenn wir, der Kegel Lothar und ich, einen Menschen aus vollem Herzen und tiefster Seele gehaßt haben, dann ist es dieser Jasper gewesen. Wie dieser stockige, stiernackige, kurzbeini­ge, bürstenhaarige, rotgesichtig gesunde, unbeeindruckbar selbstsichere westfälische Bauernhammel zum allmächtigen Cheffahrer unseres schneidig sein wollenden Oberleutnants Eitner hat werden können, wird wohl ein ewiges Rätsel blei­ben.
Nehmt euch bloß vor dem in Acht! Der Bierl Max hat uns ge­warnt. Und der hat es als Schreibstuben-Unteroffizier nahe dem Pulsschlag Batteriezentrale ja wissen müssen: Verscherzt es euch bloß nicht mit dem, sonst seht ihr euch an der Ost­front wieder!
Dieser Eitner mit seinem Schnurrbartl, der unbedingt so ausschauen hat wollen wie der Luftheld Galland, soll dem Vernehmen nach seinen Chauffeur zugezogen haben, wenn es darum gegangen ist, wer abgestellt hat werden sollen, und wohin:
Jasper, wen nehmen wir da? Wen tun wir zur B 37 nach Kurland? Den Freißle oder den Ehrenfeuchter?
Der Jasper, boshaft: Dem Freißle täts nicht schaden.
Dieser Jasper hat neben uns seine Bude gehabt. Neben uns ist gut: mit uns! Unseren Lehrsaal in der alten Höhn-Kaserne mit seinen riesigen Räumen aus dem vorigen Jahrhundert hat man dreifach abgeteilt. Vom Lehrsaal mit seinen Schulbänken, dem Katheder, den Tafeln und Schränken, haben wir mit Spinden unseren Lebens- und Schlafbereich abgezwackt. In dem Dämmer zwischen den Doppelklappen, dem Tisch, den Hockern, sind wir sozusagen vor der Großen Apokalypse auf Tauchstation gegangen. Fünf große, vergitterte Fenster und zwei schwere Türen hat der Saal gehabt. Eines ist abgeteilt worden durch eine, die ganze Tiefe des Raumes reichende, aber nicht ganz bis zur Decke hinaufgehende Bretterwand. In diesem langen, schmalen Handtuch von Zimmer hat dieser Jasper gehaust. Mit dem Dackel vom Batterie-Chef namens Juni. Gehaust ist gut: Er war ja fast nie da! Immer auf Achse mit dem Chef­mercedes; mit dem Eitner oder für ihn. Und da ist der Dackel in dem Verschlag allein gewesen.
Paßt mir bloß gut auf den Juni auf!
Ja, freilich. Wir! Was geht uns dieser Hundskrüppel an?
Und was er uns angegangen ist! Im Interesse unserer behagli­chen Kriegsnische haben wir uns alles gefallen lassen müssen. Auch die Launen eines verwöhnten Hundes. Er hat nur zu win­seln anfangen brauchen, schon ist einer von uns hinüber zu ihm: Brav, Juni, brav. Magst ein Wasserl? Gestreichelt haben wir diese Kreatur und am Bauch gekratzt: Kaum ist man ihm mit der Hand über das Rückenfell gefahren, schon hat er sich herumgeschmissen und seinen Bauch hochgereckt. Den hat man dann kratzen müssen. Am liebsten stundenlang. Hat man damit aufgehört und ist weggegangen, hat der Köter gottserbärmlich zum Winseln angefangen.

An diesem Juni wär der Lothar beinahe gescheitert.
Ein Landser braucht zum Überleben ein dickes Fell. Und stäh­lerne Nerven. Zum Beispiel muß er es im Interesse seines Überlebens fertig bringen, beim Winseln eines Dackels schla­fen zu können. Wir, der Subrock Erwin, der Theobald Toni und ich haben das können. Der Kegel Lothar nicht.
Wenn es jemals einen seelensguten Menschen gegeben hat, dann war es der Kegel Lothar. Was hat der an uns gelitten!
Alle Tage ist er um sechs Uhr aufgestanden, hat sich gewa­schen, rasiert, die Zähne geputzt und für uns das FRÜHSTÜCK geholt: die Aluminiumkanne mit Kaffee, MUCKEFUCK hat man zu der Brühe gesagt, Kommißbrot, BARRAS genannt, und einen Batzen VIERFRUCHTMARMELADE auf Pergamentpapier.
Dann hat er uns geweckt: Aufstehen! Halb sieben!
Keine Reaktion. Er hat sein Frühstück zu sich genommen, es aber alle paar Minuten unterbrechend: Ach, steht doch bitte auf!
Dann, nervös: Gleich pfeift es FERTIGMACHEN!
Dann, am Rand der Panik: Es hat FERIGMACHEN ZUM ANTRETEN gepfiffen!
Schließlich, total durchgedreht: ANTRETEN! ANTRETEN! und hinaus ist er, der fix und fertige Lothar, und bei uns herin­nen hat es RUMP, RUMP, RUMP gemacht und drei verschlafene Gestalten sind verknitterten Gesichts aus den FALLEN herab in die KLAMOTTEN gerumpelt, Mütze aufs verstruppelte Haar, im Hinausrennen in den Waffenrock geschloffen, die Eisenknöp­fe eingeknöpfelt, das KOPPEL um den Bauch, raus auf den Kasernenhof, beim Einreihen in den dreigliedrigen Batterie­körper sanft wackelnd und nichts kapierend von dem, was der SPIESS im TAGESBEFEHL verkündet, dagestanden bis zum Kommando: KOMMANDIERTE LINKS RAUS!
Da waren wir gemeint neben einem guten Dutzend von anderen Pelzbrüdern, die konstante Tätigkeiten für das Gesamtwohl der EINHEIT ausgeübt haben, die technischen Ausbilder, das Küchenpersonal, Sanitäter, Fahrer.
Traumhapert sind wir in unser Domizil zurückgekehrt, haben laue Kaffeebrühe in unsere Aluminiumtrinkbecher gegossen und eine Scheibe Marmeladebarras dazu hinabgewürgt, vom gesichtszuckenden Lothar ungläubig bestaunt, weil wir wieder einmal nicht aufgeflogen sind – und das Tag für Tag für Tag für Tag...

Der Lothar schüttelt mich wach: DER JUNI! Der Hund jault in mein kaum vorhandenes Unterbewußtsein hinein. Hau ihn, dann hört er schon auf!
Patentmedizin für alle Unterdrückten: Neger, Schüler, Kinder, Ochsen, Dackel. Irgendetwas in der Richtung geschieht. Was genau, das ist mir wurscht. Der Schlaf geht vor. Schlaf, die einzige Seligkeit in dieser momentanen Welt, in der man ihr tatsächlich entflieht. Aber halt wie lang?
Wieder schüttelt mich der Lothar wach: Der Juni, horch!
Der Juni winselt. Na und? Jaulen, winseln? Was sollen wir geduckte Kreaturen denn sonst tun? Schweigen. Schweigend leiden. Jaulen und winseln, das darf ein Vieh, aber nicht unsereins. Beneidenswert.
Der Juni winselt herzzerreißend. Er winselt mich wach.
Was ist denn?
Ich hab ihn gedroschen.
Gedroschen?
Wie du mir geraten hast.
Ich dir geraten?
Ja.
Und?
Weiß auch nicht recht. Ich hab ihn mit dem Tafellineal gedro­schen...
Der Juni liegt, merkwürdig verzerrt, auf dem Boden und streckt seinen linken Hinterhax anklagend in die Luft. Ich versuche, ihn umzudrehen. Er jault markerschütternd, bleibt aber auf drei Beinen fatalistisch stehen und winselt das Leid der gesamten Kreatur in den Äther der dämpfig fahlen Kommißbude. Kommt man dem anklagend weggestreckten linken Hinterfuß auch nur annähernd nahe, steigert der Juni sein Winseln zu lefzenanbietendem Gejaule.
Wir erschlagen ihn. Wir erschlagen ihn und schmeißen ihn in die Isar. Und sagen, er wär uns ausgekommen.
Der Lothar hätt das nie fertig gebracht. Ich schon. Leicht. Rache ist Blutwurst! Dieses Hundsvieh stellvertretend für diesen Jasper massakrieren? Sofort.
Aber wehe uns, irgendetwas wäre dabei herausgekommen: Zum beschissensten Haufen der gesamten kämpfenden Ostfront hätte man uns sofort abgestellt, mit sadistischem Eifer vom Chef nebst Fahrersau extra für uns ausgesucht.
Drum haben wir den Juni, das winselnde Heiligtum, am späten Vormittag in die Stadt zu einem Tierarzt getragen. Zum Glück war Sonntag. Da hat das Unternehmen unbemerkt stattfinden können. In der Kaserne ebenso wie bei dem Doktor. Der war zwar unwillig, aber machtlos gegen die Wehrmacht. Er hat einen Knochenbruch festgestellt und dem Juni einen regelrech­ten Gipsfuß verpaßt mit daran angearbeiteter Stelze.
Und so haben wir ihn dem mißtrauisch perplexen Jasper über­geben. Mit einer von mir, dem von Jugend auf in raffinierten Ausreden Geschulten, höchst plausiblen Erklärung: Der Lothar habe ihm etwas zum Fressen gebracht und dabei bemerkt, daß dieser Juni die ganze Bude mit seinen Hundstrümmerln vollge­schissen gehabt hat, weil er ja den ganzen Tag nicht Gassi geführt worden wär, hätte dann diese Zeugen schlechter Zuwen­dung mit Handbesen und -schaufel aufgekehrt und habe gar nicht merken können, daß er, weil beide Hände voll die schwe­re Türe mit dem Fuß zustoßend, den nach Auslauf gierenden Hund dabei eingezwickt hat.
Raffiniert, was?
So haben wir diesen Jasper sowohl uns verpflichtet, weil er ja immerhin die Betreuung des Oberleutnant-Maskottchens verabsäumend den Juni uns überlassen hat, und ihm obendrein den beschädigten Dackel aufgehalst, wie er war.
Dieser Jasper war ja kein Dummian. Und der hat es dann schon hingekriegt, denn der Juni ist, seinem Herrchen im Kasernen­bereich wie immer auf Schritt und Tritt folgend, jetzt halt mit einem POCH-POCH-POCH seiner gipsernen Hinterhandprothese herumgeschwanzelt.

Heute sind es also dreihundertachtzig Tage gewesen, daß ich bei der Beobachtungs-Ersatz-Abteilung 7 im Windschatten des Krieges verbracht hab. Dabei hat es nicht im Mindesten danach ausgeschaut gehabt:
Im südtirolerischen Toblach, wo ich, vom Artillerie-Lehrregi­ment Mot.4 im pommerischen Großborn als einer der überaus seltenen Photogrammeter abgestellt, in Florenz wegen des näherrückenden Krieges Luftbildauswertungsgeräte des italieni­schen militärgeographischen Instituts abbauen und in Dobbiaco wieder aufbauen geholfen habe, ein Druckposten allererster Qualität, in diesem Toblach also hat mich ein Befehl des berüchtigten Generals Unruh ereilt, wonach bestimmte jüngere Jahrgänge aus rückwärtigen Diensten sofort zu ihren Ersatz-­einheiten zurückzubeordern wären, um von dort an die Front abgestellt zu werden.
Wie ich mich aber bei meinem alten Haufen in München diesbe­züglich zurückgemeldet habe, ist dort in der Schreibstube in der Kaserne an der Schweren-Reiter-Straße der Unteroffi­zier Max Bierl gesessen, Kamerad im Rußlandfeldzug 1941, mein, wie sich herausstellen hat sollen, wahrer Schutzengel, ohne den ich das Inferno schwerlich überlebt hätte.
Meld dich beim Kegel in der Auswertung.
Da ist er dann gesessen, der hagere, trübselige, hypernervöse Lothar, mutterseelenallein, nichts zu tun den ganzen Tag in den tristen und doch so anheimelnden Unterrichtsräumen.
Kannste watten?
Ich und nicht watten können, dieses impertinenteste, hinter­fotzigste, urbayerischste aller Kartenspiele?
­Von diesem Tag an habe ich begonnen, die Tage zu zählen. Fein säuberlich und diagonal habe ich jeden Abend auf der Jahresübersicht in meinem Taschenkalender den Tag abgestri­chen und numeriert. Ich habe wieder mit 1 begonnen, wie ich, nachdem ich im Urlaub daheim die Gelbsucht gekriegt hab, ins Lazarett nach Ettmannsdorf gekommen bin, habe wieder mit 1 begonnen, wie ich nach der Entlassung zu meinem, inzwi­schen nach Landshut in die Höhnkaserne verlegten Verein gekommen bin.
Heut ist also der 75. Tag dort gewesen. Und der 380. bei der 2. Batterie der Beobachtungs-Ersatz-Abteilung 7. Wie lang wohl noch?
Wie oft werde ich, wieder mit 1 beginnend, einen Gang nach Irgendwohin gehen müssen, Tage zählend und abstreichend, Tag um Tag, bis dieser Teufelskrieg einmal aus sein wird? Und was kommt dann?

Fliegeralarm hat zu unserem täglichen Brot gehört. Wenn man nicht in einer Stadt wenigstens vom Rang Nürnbergs gelebt hat, hat so ein Alarm sogar etwas für sich gehabt, denn die Wahrscheinlichkeit, daß sie ausgerechnet da abladen, ist gering gewesen.
In Landshut ist natürlich dabei immer der Dienst ausgefallen. Da bin ich dann mit dem Skizzenblock den Weg nach Heiligen­blut hinauf. Vor irgend einem Motiv bin ich dann hocken geblieben und habe gezeichnet, mit dem Füller, und dann die Tintenskizze mit angespeicheltem Pinsel interessant verwischt: Schatten. Ein ewiges Motiv war da das Wallfahrts­kircherl Maria Brünndl.
Dieses Mal bin ich da, wo die Wegschlucht schon abnimmt, und wo immer schon gern auch andere Landser die ENTWARNUNG abgewartet haben, an dem Steilrand gehockt und habe einen abenteuerlich verknoppelten Weidenstamm gezeichnet.
Mit seinem tiefen, dröhnenden Brummen hat sich der riesige Kampfverband amerikanischer FLIEGENDER FESTUNGEN angekündigt. Dann sind sie gezogen gekommen, wie schon so oft. Nur daß sie halt diesmal nicht darüber hinweg sind: Ein heiseres Rauschen, und wir haben gewußt, jetzt ist Landshut dran.
Und schon haben uns die ersten Schallwellen der ersten Deto­nationen erreicht. Welle um Welle hat ihre Bomben ausge­klinkt, wir haben sie fallen sehen können, silbrige Tropfen schräg vom Himmel, schräg an uns vorbei.
Endlos! Ogottogott! Landshut ist hin. Da bleibt doch kein Stein auf dem anderen. Wo die hinlangen, da wachst kein Gras mehr. Jetzt kriegst auch du ihn, Landshut, deinen Tota­len Krieg.
Das gilt uns! brüllt da einer.
So ein Blödsinn! Das ist doch kein Ziel für so einen Verband! Aber wie ich, das denkend, den Kopf drehe, sehe ich doch auch glatt einige Flugzeuge nach links ausscheren, genau auf uns zu – und schon explodiert das Universum!
In der Hölle der Einschläge denke ich stereotyp: Aha. Jetzt geht die Welt unter. So ist es also, wenn die Welt untergeht­. Wenn du hin bist, geht die Welt unter, kannst du die Welt nicht mehr sehen, denn ohne dich gibt es die Welt nicht mehr, wenn du hin bist.
Die Gedanken kreisen kalt, ohne Entsetzen, ohne Angst, gleichgültig endgültig: So ist das also, wenn es dahin geht, wenn du abdürrst, wenn es dich vom Stangerl herunter haut, wenn der Arsch Feierabend hat. Aha. Interessant.
Vor mir liegt einer auf dem Boden. Da fallt ihm ein ziemli­cher Erdbatzen direkt ins Kreuz. Er zuckt. Da muß ich lachen. So plötzlich, wie begonnen, hat es aufgehört. Der helle Himmel ist nicht zu sehen, Steine, Dreck, Sand regnet es heftig. Das Wummern der Bombenexplosionen drunten in der Stadt aber hält an.
Was geht das uns an?
Auf einmal ist die Himmelsbläue wieder da. Mitsamt den Wellen der Bomber.
Davongekommen.
Das Gefühl einer ungeheuren Geborgenheit in diesem Hohlweg! Aber da brüllt wer: SIE KOMMEN NOCHMAL! Und schon beginnt ein irres Rennen nach oben, hinaus!
Schmarrn, denke ich, da geh ich doch nicht weg, nirgendwo bist du besser aufgehoben, und merke gleichzeitig, wie mich eine unwiderstehliche Macht hochreißt – die Panik hat mich erfaßt und panisch und sinnlos und hirnlos renne ich mit den anderen aus dem Hohlweg heraus.
Die sauber geeggten Frühjahrsäcker sind von flachen Bomben­einschlägen übersät, wir rennen daran vorbei, die Lunge keucht, Schweiß rinnt übers Gesicht, aber die Füße rennen, einem unbekannten Befehl gehorchend, dem ich inzwischen längst auch folge, kein Gedanke zurück, nur weg, weg, weg!
Ich renn allein über die Straße, ich habe es kaum regi­striert, daß die anderen alle auf die Häuser zu sind, neben die Mauern sich auf den Boden gerotzt haben. Meine eigene Panik treibt mich weiter, obwohl ich schon kaum mehr kann, aber das sich in mir immer deutlicher manifestierende Ziel peitscht mich voran: MARIA BRÜNNDL!
Neben dem Kircherl steht eine Gruppe von verstörten Leuten. Entsetzt sehen sie mich herantaumeln.
Alles ist hin! Alles hin! keuche ich ihnen entgegen und schmeiße mich in das dürre Gras der Böschung.
Da oben fliegen sie noch immer. Mit einer grimmigen Genugtu­ung schaue ich hinauf.
Nur zu! Haut alles zu Glump. Haut doch endlich einmal alles zusammen. Uns mit! Mehr sind wir doch gar nicht wert.
Dann sehe ich die Bombe fallen!
Ich sehe die Bombe, wie sie sich vom Rumpf des Flugzeugs löst, und wie sie fällt, genau auf mich zu, kerzengerade auf mich zu, da rumple ich auf und renne los, renne, renne, renne den Berg hinab, überquere den Talgrund, gewinne den Waldrand, renne in den Wald hinein, falle hin, liege am Boden.
Die als todsicher erwartete Bombardierung von Maria Brünndl ist nicht erfolgt. Tröstlich anzusehen, steht das Kircherl am Gegenhang.
Plötzlich kommen keine Flieger mehr. Es fallen keine Bomben mehr. Es ist still. Viel zu still.

Landshut ist hin. Landshut ist bestimmt hin. Hiner kann doch eine Stadt nach so etwas gar nicht sein. Das ist doch gar nicht anders möglich. Da lebt keine Maus mehr. Gibts ja gar nicht.
Hau doch ab, denk ich mir, Mensch, hau doch ab. Eine bessere Gelegenheit kommt nie mehr. Bleib in dem Wald. Geh von ihm in den nächsten. Und von dem wieder in den nächsten. Und schon bist du vermißt. Vom Alarm nicht mehr zurückgekehrt. Vermutlich Bombenvolltreffer. Gefallen für Führer, Volk und Vaterland.
Und die Eltern? Gerade erst der Franz. Dann der Hermann in Ostpreußen. Und jetzt du?
Umso größer die Freude, wenn du zurückkommst. Sofort nach dem Krieg bist du da!
Weißt du, wie lange die diesen Krieg noch machen? Ein Jahr? Zwei Jahre? Nochmal fünf Jahre? Die sind doch zu allem fähig.

Da bin ich halt zurückgegangen.
Am Maria Brünndl war kein Mensch mehr.
Kannst dir künftig dein heilkräftiges Wasser für Augenbe­schwerden sparen, Brünndl-Maria. Wird nicht mehr viel Lands­huter geben, die es brauchen, Brünndl-Maria. Die dir schöne Taferln schreiben lassen: MARIA HAT GEHOLFEN! Brünndl-Maria.
Auf dem ganzen Weg begegnet mir niemand.
Wie ich an den Weidenstamm komme, da haut es mich fast um: Genau oberhalb von meinem Zeichnerplatz, da klafft ein Bomben­trichter in den Steilhang herein. Keine zehn Meter über meinem Kopf.
Hast auf mich zielen müssen, Tod? Ausgerechnet auf mich? Hast kein anderes Ziel gefunden als wie mich, ha?
Aber zehn Meter, vor allem der Höhe nach, sind effektiv gerade so viel wie zwanzig Meter, oder fünfzig, hundert, tausend...
Wie ich in die in die Stadt hinauslaufende Schlucht hinabkom­me, wo das kleine, gemütliche Häusl steht, da steht das kleine, gemütliche Häusl noch immer da, bloß ohne Dach, und vor dem kleinen, gemütlichen Häusl, da deckt eine beige­farbene Kamelhaardecke mit Mäanderrand eine Gestalt zu, eine Frau, denn unten stehen zwei Füße in Stöckelschuhen heraus.

PRESSESTIMMEN

„Okers Ich-Erzähler aus dem Beobachtungswinkel des naiven Mitmarschierers merkt bald, wo’s langgeht. In Italien ’45 setzt er sich ab und schlägt sich durch, auch durch die Endzeithysterie der SS-Chargen und Partei-bonzen in der Alpenfestung. Zahlbar nach dem Endsieg ist die Sicht eines Oberpfälzer Simplicissimus wider den Mordsunsinn Krieg, der in der Erinnerung noch viel zu oft als privates Heldentum verklärt wird.“
HARALD RAAB in DIE WOCHE

Zahlbar nach dem Endsieg bezeugt „ein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Bayern einzigartiges erzählerisches Naturtalent, das in seinem grimmig-lakonischen Realismus, aber auch seinem unerbittlichen Moralismus, der ungekünstelten Authentizität seiner Zeit- und Sittenschilderung als wahrer Nachfolger von Ödön von Horvath und Oskar Maria Graf gelten darf.“
PROF. REINHARD WITTMANN