Kuckuck&Straps
lichtung verlag GmbH
Postackerweg 10
94234 Viechtach
Tel 09942-2711
Fax 09942-6857
E-Mail:
www.lichtung-verlag.de

Zeichnung "Preisplatteln" von Eugen Oker,
aus "Vorbei. Bilder von Vorgestern"

Oker:...und ich der Fahnenträger Eugen Oker: ... und ich der Fahnenträger.
Ein negativer Erziehungsroman – eine unheimlich wahre Satire,
Neuausgabe 2010, mit einem Nachwort von Reinhard Wittmann,
Klappenbroschur, 152 S., 13,80 Euro,
ISBN 978-3-941306-02-8
bestellen

KURZTEXT

Wie war das möglich? Warum konnten sich Adolf Hitler und die Nationalsozialisten in Deutschland durchsetzen und ihr Terrorregime errichten? Wie war es möglich, daß die Mehrheit der Deutschen sie wählte und ihnen zujubelte? Eugen Oker forscht hier nicht nach den politischen Gründen, er wirft den Blick auf die ganz gewöhnlichen Menschen in der bayerischen Provinz. Das fiktive Tagebuch des HJ-Fahnenträgers zeigt, wie sich das nationalsozialistische Gedankengut allmählich in den Köpfen breitmacht. … und ich der Fahnenträger von Eugen Oker könnte der heutigen Jugend nicht nur die damalige Zeit verständlicher, sondern sie auch widerstandsfähiger machen gegen politische Verführer, die mit „coolem“ Gruppenleben werben.

„Oker gelingt die heikle Gratwanderung zwischen literarischer Imagination und dem authentischen naiven Ton eines eher unbedarften Schulbuben, Jahrgang um 1920. ... Bald hat der Bub jede Widerstandskraft gegen Konformitätsdruck und allgegenwärtige ideologische Propaganda verloren: beim (eher grotesken) Besuch des Gauleiters brüllt er sein ‚Heil‘, daß sich ein denunzierter katholischer Jugendleiter im Gefängnis erhängt, rechtfertigt er mit einem Schwall von Parteiphrasen gegen den ‚Volksschädling‘, ein Rollkommando gegen einen Dorfpfarrer wird im Tagebuch amüsiert kommentiert. ... Oker trägt nirgends allzu dick auf, fuchtelt nicht mit dem moralisierenden Zeigefinger. Die Satire ist eine durchwegs subtile. Er bleibt in der Innenper­spektive, stellt gleichrangig den Widerschein der großen Politik neben die zunächst schleichende, dann galoppierende Ausbreitung des alltäglichen Faschismus in der Provinz, die eifrige Anpassung neben kleine Zeichen der Widerständigkeit.“
Prof. Reinhard Wittmann im Nachwort

AUTOREN

Eugen Oker, 1919 in Schwandorf in der Oberpfalz geboren, Topograf, nach dem Ende des 2. Weltkriegs Arbeit als Maurer und Ofensetzer im elterlichen Betrieb, dann als Journalist; seit 1971 freier Schriftsteller. Lebte bis zu seinem Tod 2006 in München. Schrieb viele Beiträge für den Bayerischen Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen), 1964 Erfindung der Spielekritik. Ausgezeichnungen: 1973 Astrid-Lindgren-Preis für Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen, 1994 Deutscher Spiele Preis. Sonderpreis für die Begründung der deutschsprachigen Spielekritik, 1999 Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Künste.

Prof. Dr. Reinhard Wittmann, geboren 1945 in München, langjähriger Literaturredakteur beim Bayerischen Rundfunk, Honorarprofessor an der Ludwig-Maximilian-Universität München, zahlreiche Buchveröffentlichungen.

LESEPROBE
23. Mai 1932

Heute haben wir den Florian auf eine ganz neue Weise zum Hüpfen gebracht. Der Mutzbauer hat es erfunden, und wir haben es gleich ausprobiert. Am Dienstag in der dritten Stunde haben wir beim Professor Ganser immer Mathes. Er kommt herein. Da fangen die hinteren Reihen zum Summen an. Der Florian geht zum Katheder, schaut scharf nach hinten und sagt: „Na, na, na!“ Aber das hilft natürlich nichts. Er schaut, ob er jemand sieht, welcher summt. Aber das sieht man nicht, denn beim Summen kann man jedes beliebige Gesicht machen. Er wirft die Mappe hin und eilt im Mittelgang nach hinten. Sofort hören die auf, und wir von der vorderen Hälfte fangen an. Er rennt nach vorn. Da machen wir es wieder umgekehrt. Er rennt hin und her. Es hilft nichts: Ist er vorn, summen die Hinteren, ist er hinten, summen die Vorderen. Nach drei-, viermal bleibt er vor der ersten Reihe stehen und schreit: „Wollt ihr …!“ Kein Erfolg! Wieder rennt er hin und her, aber er erwischt keinen. Schließlich fängt er an zu hüpfen. Das ist das Zeichen, daß er bald soweit ist: Er stemmt sich mit den Händen auf eine der vorderen Bänke und schreit mehrmals: „Wollt ihr …! Wollt ihr …!“ Dabei trippelt er am Ort immer mit den Füßen. Diesmal haben wir es in Rekordzeit geschafft: Bereits nach zehn Minuten hüpfte er. Und dann kommt es wie immer: Er greift sich ans Hirn, geht zum Katheder, setzt sich hin und sagt: „Tut, was ihr wollt!“ Manchmal weint er sogar.
Er ist überhaupt kein Mannsbild und braucht sich nicht zu wundern, daß es ihm in jeder Klasse so geht. Er kann machen, was er will, er kann sich nicht durchsetzen. In den oberen Klassen geht es ihm am schlechtesten; da behandeln wir von der Vierten ihn direkt nobel. Sogar in der Ersten geht es ihm nicht gut. Da sorgen schon die Repetenten dafür. Dauernd werden neue Methoden erfunden. Manchmal erfinden wir sie durch Zufall während des Unterrichts.
Einmal hatten wir Physik. Wir nahmen Optik durch. Er verdunkelte den Physiksaal. Dann zündete er eine Kerze an und stellte große Lupen zwischen die Kerze und einen weißen Wandschirm. Er fragte, ob schon jemand von uns rauchen könne. Der dürfe es diesmal ausnahmsweise und im Dienste der Wissenschaft, um den Strahlengang sichtbar zu machen. Niemand meldete sich. „Wie wär’s, Arbinger?“ sagte der Florian. Der Arbinger stellte sich verlegen. Er sagte, daß er es noch nie getan habe, aber dem Herrn Professor zuliebe tut er alles. Der Florian freute sich und gab dem Arbinger eine Zigarette. Dieser setzte sich an den Experimentiertisch und zündete sie an der Kerze an. „Du kannst es aber gut, für einen Anfänger“, sagte der Florian. Alle lachten. „Immer in den Lichtstrahl blasen!“ wies der den Arbinger noch an und drehte das elektrische Licht aus.
Sofort zogen einige ihre Zigaretten heraus und fingen auch zu rauchen an. Auf einmal sagte der Siebenwurst: „Herr Professor, dürfen wir nach vorne kommen, damit wir es besser sehen?“ Der Florian freute sich über unser Interesse und erlaubte es. Im Nu ging ein großes Gelärme durch den Raum, denn wir nahmen unsere Hocker und zogen geräuschvoll nach vorn. Der Siebenwurst voraus. Wir sahen, daß er seinen Hocker ganz links neben den Experimentiertisch stellte und uns Zeichen machte. Wir kapierten sofort, und nach kurzer Zeit war der Professor von einem Halbkreis von Hockern umgeben. Die nächsten stellten ihre Hocker auf die erste Reihe. Wir brachten eine Mauer von drei Hockern übereinander zustande.
Der Florian merkte im Eifer seines Experiments nichts. Er wechselte konkave und konvexe Linsen aus und erklärte uns, wie dadurch der Lichtstrahl gebrochen wird. Der Arbinger saß neben ihm und blies gehorsam den Rauch in die Lichtbahn.
Schließlich war der Versuch zu Ende, und der Florian blies die Kerze aus. Es wurde stockfinster. „Licht an!“ sagte der Florian nochmals. Als ihm nur lautlose Stille antwortete, stürzte er in Richtung Lichtschalter und direkt in die Hockerwand hinein.
Als es krachte, schaltete der Mutzbauer ein. Der Professor lag unter den eingestürzten Hockern.
Wir bemühten uns um ihn. Unter diesem Vorwand wurden immer mehr Hocker auf ihn getürmt. Schließlich zogen wir ihn heraus. Er sah fürchterlich aus. Wir putzten ihn ab. Mit der Hand natürlich. Dabei hauten wir nicht schlecht hin. Er rief immer: „Ist ja schon gut! Danke, danke! Ist ja schon gut!“ Schließlich flüchtete er hinter den Experimentiertisch. Er tat, als ob nichts geschehen wäre, und diktierte uns den Ablauf des Versuchs ins Heft.
Ich möchte nicht Professor Ganser sein! Schon oft habe ich mir überlegt, woher das kommt, daß man bei einem solche Sachen machen kann und bei anderen nicht. Zum Beispiel beim Flaschko. Der ist an der ganzen Schule gefürchtet. Dabei sieht der Florian nicht halb so komisch aus wie der Flaschko. Das ist die Abkürzung für Flaschenkopf, er hat nämlich einen sehr hohen Kopf. Außerdem eine Glatze. Er ist klein und trägt einen Spitzbart. Eine komische Erscheinung!
Aber er braucht nur aufzutauchen, und sofort ist alles still. Sogar die Klassen, welche ihn nicht haben. Er ist die absolute Respektsperson an unserer Schule. Da kann auch der Direx, Oberstudiendirektor Dr. Ringenberg, nicht mit.
Dieser verschafft sich Respekt durch Arreste. Uns Fahrschüler hat er besonders auf der Latte. Er gibt Chemie, und wer Arrest erhält, muß im Chemiesaal Reagenzgläser und Kolben putzen. Das fürchten alle. Nur die von der Neunten nicht. Die fahren mit den Bürsten gleich durch den Boden der Reagenzgläser durch, stellen sich dumm und machen mehr kaputt, als ihre Arbeit wert ist.
Natürlich probiert man es bei jedem. Aber bei den meisten geht es nicht. Jedenfalls bei keinem so wie beim Florian. Ich glaube, das ist eine Sache der Autorität. Die hat man, oder man hat sie nicht. Und das merken Schüler sofort.

7. Juni 1932

Im Schülerzug geht es jetzt immer zünftig her: Wir singen verruchte Lieder. Der Sulzmann hat ein Heft, und da stehen ganz pfundige drinnen. Es heißt: „Was wir Nazi singen, gespendet von Fr. Monninger, Buch- und Kunstdruckerei, Nürnberg.“ Es sind Kampflieder der SA. SA ist die Abkürzung von „Sturmabteilung“. Es sind die Hitlerischen, auch Nazi genannt. Die alten Weiber sagen „Hiltler“ zu ihnen. „Das sind Hiltler“, sagen sie; sie wissen nicht einmal, daß es Hitler heißt und nicht Hiltler. Die SA ist so was Ähnliches wie das „Reichsbanner“ der Sozi. SA, Reichsbanner und andere solche Formationen von den anderen Parteien raufen immer miteinander. Besonders im Wahlkampf.
Bei uns in Lalling jedoch nicht. Da gibt es fast bloß Schwarze von der „Bayerischen Volkspartei“, ein paar Sozi und Kommunisten, und die meisten Leute sind überhaupt nirgends dabei. Deshalb rührt sich bei uns politisch gar nichts. Aber in Straubing hat es sogar schon einmal eine Saalschlacht gegeben.
In den Großstädten muß es damit ganz arg sein. Sogar Straßenschlachten tragen sie aus. Sie haben sich sogar schon gegenseitig erschossen.

Die meisten Lieder sind leicht, denn sie gehen nach einer bekannten Melodie. Zum Beispiel auf die Melodie von „Drei Lilien, drei Lilien“ heißt der Text:

Es ist ein Held gefallen
im braunen Ehrenkleid,
ein Wackrer von uns allen
im Sturm der Zeit.
Mit Juchheirassassassa, mit Juvallerallalla,
ein Wackrer von uns allen
im Sturm der Zeit.

Da sitzen wir um den Sulzmann herum und singen es gleich vom Blatt. Die anderen, welche wir noch nicht kennen, lernt er uns. Es sind ganz verruchte darunter. Eines heißt am Schluß:
Soldaten, Kameraden,
hängt die Juden, stellt die Schwarzen an die Wand!

Und ein anderes:
Wenn das Judenblut vom Messer spritzt,
hei, dann geht’s noch mal so gut!

Am schönsten ist es, wenn am Freitag nachmittag die Bauern vom Markt in Straubing heimfahren. Da schmettern wir die Lieder, und die Bauern schimpfen vor sich hin. Zu uns trauen sie sich nichts sagen, weil wir Studenten sind. Es ist zum Brüllen, wie es ihnen stinkt, denn sie glauben, wir meinen es ernst.
Das darf man sich jedoch nicht immer trauen. Wenn andere Erwachsene im Abteil sind, singen wir natürlich nicht. Denn wenn uns jemand meldet, dann gibt es in der Schule Saures. Mindestens Direktoratsverweis. Und daheim dürfen sie es auch nicht erfahren, denn diese Lieder sind verboten. Einmal sind wir schön erschrocken: Wir sitzen in einem Abteil und singen, da geht während der Fahrt die Tür auf, und der Zugschaffner Randelkofer schwingt sich herein. Wir haben natürlich sofort aufgehört. Aber er lachte, setzte sich zu uns und forderte uns auf, weiterzusingen. Wir taten es. Er hörte eine Weile zu. Dann sagte er: „Respekt, Respekt“ – und fort war er, ohne uns zu kontrollieren.
Ein Lied jedoch trauen sich nur die von der Neunten singen. Es heißt „Internationale“ und lautet so:
Völker, hört die Signale!
Auf, zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.

Es ist das Kommunistenlied und ist ganz und gar verboten und verpönt. Ja, die von der Neunten trauen sich schon was!